Ugo Arangino

Souveränität durch Übung

• 3 Minuten Lesezeit

Ich spiele seit ein paar Monaten Dungeons & Dragons als Dungeon Master. Für alle, die das nicht kennen: Der Dungeon Master ist der Spielleiter. Man beschreibt eine Welt, verwaltet Regeln, gibt Figuren eine Stimme und reagiert auf alles, was die Spieler tun. Daraus entsteht eine Geschichte, die vorher niemand kannte.

Die ersten Sessions waren chaotisch. Zu viel gleichzeitig im Kopf. Regeln nachschlagen, Tempo halten, Atmosphäre aufbauen, auf die Spieler eingehen. Mein Kopf war so beschäftigt mit den Grundlagen, dass für das Eigentliche kein Platz mehr war: die Spieler lesen, auf Stimmungen reagieren, den richtigen Moment finden.

Session 6 war anders. Nicht weil ich etwas Neues gelernt hatte. Ich hatte nur dasselbe oft genug gemacht. Die Regeln kamen automatisch. Das Timing saß. Und auf einmal war da Kapazität. Für die Dinge, die vorher untergegangen waren. Kleine Reaktionen der Spieler aufgreifen. Pausen setzen. Nicht mehr nur durchkommen, sondern tatsächlich leiten.

Das Feedback meiner Mitspieler:

„Du bist inzwischen viel souveräner.“

Was da eigentlich passiert

Jede neue Tätigkeit kostet Aufmerksamkeit. Jeder einzelne Schritt will bewusst gedacht werden. Und das Denken selbst verbraucht genau die Kapazität, die man eigentlich für die Tätigkeit bräuchte. Das kennt man auch als kognitive Last, ein Konzept das der Kognitionspsychologe John Sweller Ende der 80er beschrieben hat.

Durch Übung passiert etwas Entscheidendes: Abläufe wandern vom bewussten Denken in den Hintergrund. Was vorher Aufmerksamkeit gekostet hat, läuft irgendwann automatisch. Die Grundlagen verschwinden aus dem Vordergrund. Und was dadurch frei wird, ist das Interessante.

Streng genommen geht es bei Sweller ums Lernen. Aber das Prinzip lässt sich übertragen: Das Arbeitsgedächtnis fasst nur wenige Dinge gleichzeitig. Alles was automatisch läuft, schafft Raum.

Beim Autofahren ist es der Moment, in dem man nicht mehr über Kupplung und Spiegel nachdenkt, sondern den Verkehr als Ganzes wahrnimmt und wirklich vorausschauend fahren kann. Beim Programmieren der Moment, in dem man nicht mehr über Syntax nachdenkt, sondern das Problem als Ganzes sieht.

Der eigentliche Fortschritt ist nicht, dass man etwas besser kann. Sondern dass man Kapazität bekommt, überhaupt das Nächste zu sehen.

Ein Zitat, das hängen blieb

Gestern war ich beim ProductTank Meetup Köln, Thema war Managing Dependencies in Practice. Danach kam ich mit Simonetta Batteiger ins Gespräch, der Organisatorin. Sie nannte mir ein Zitat von Debbie Millman:

„Confidence is the successful repetition of any endeavour.“

Ich wurde ihn nicht mehr los. Weil ich ihn eine Woche vorher selbst erlebt hatte.

Wir behandeln Souveränität oft als Eigenschaft. Manche haben sie, manche nicht. Ich halte das für falsch. Souveränität ist kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern eine Fähigkeit. Sie entsteht aus Fokus und Präsenz. Beides setzt voraus, dass die Grundlagen nicht mehr im Weg stehen. Und dafür braucht es Übung.

Wenn sich etwas überwältigend anfühlt

Das verändert, wie ich an neue Dinge herangehe. Wenn sich etwas überwältigend anfühlt, ist die Frage nicht mehr „Kann ich das?“. Die Frage ist: „Wie oft habe ich das schon gemacht?“

Denn das Überwältigende ist meistens nicht die Aufgabe selbst. Es ist die kognitive Last, die entsteht, weil noch nichts automatisch läuft. Alles gleichzeitig, alles bewusst, alles anstrengend. Das ist kein Zeichen von fehlendem Talent. Das ist der Normalzustand am Anfang.

Die Lösung ist nicht Begabung. Die Lösung ist Session 7.

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